Tag 8 – Amanita Online Kongress 2025: Noaidi-Wissen aus dem hohen Norden – Im Gespräch mit Lena Greus
Datum: 31.10.2025 | Kategorie: Nordische Traditionen & Schamanismus
Lena Greus ist Noaidi (Sámi-Schamanin) aus Nordschweden. In ihrem Zuhause – eingebettet in weite Wälder und Rentierland – bietet sie schamanische Retreats und Heilsitzungen an. Im Gespräch teilt sie ihren persönlichen Weg, das Herz der sámischen Tradition und die Rolle von Natur, Trommel und Rentieren. Ein seltener Einblick in eine lebendige, nicht-romantisierte Praxis, die Erdung, Einfachheit und Verantwortung miteinander verbindet.
Weg zur Noaidi – Waldkind, Stimmen der Geister, Rückruf ins Eigene
Lena fühlte sich seit Kindheit im Wald zuhause – „mehr als bei Menschen“. Ein bärtiger Begleiter (den sie heute als Merlin erkennt) sprach zu ihr; kirchliche Wege gaben ihr dennoch kein Zuhause. Später, nach einer postpartalen Depression, vertiefte sich der Kontakt zu den Geistern. In ihrer Gemeinschaft waren es andere, die sie als Noaidi erkannten und ermutigten, den Ruf anzunehmen. Weil das Christentum die sámische Spiritualität diffamierte, nennen sich viele bis heute „traditionelle Heiler:innen“ statt Noaidi – die Arbeit aber ist geblieben.
Wald-, Berg- und Meeres-Sámi – Herdengröße, Lebensraum, Trommel als Kompass
Wald-Sámi lebten halbsesshaft mit kleinen Herden (ca. ein Dutzend Rentiere) und folgten ihnen im Wald; Berg-Sámi waren weiträumiger nomadisch zwischen Gebirge (Sommer) und Wald (Winter). Die Trommel war nicht nur Ritualinstrument, sondern auch eine Art Kompass und Reisevehikel – sie zeigt die „leichteste Linie“ zum nächsten Lagerplatz und trägt zwischen den drei Welten (Totenwelt, unsere Welt, Welt der Götter). Lena arbeitet mit einer Replik historischer Trommeln aus ihrer Region.
Reindeer Nation – Verpflichtung, Schutz und die weiße Lehrerin
Rentiere sind Herz der sámischen Kultur. Legenden sagen: Die großen Geister gaben die Rentiere, solange die Menschen alles nutzten und achteten – Haut, Adern, Fleisch, Knochen. Noaidi schützten die Herden, etwa indem sie Wölfe „umleiteten“. Die weißen Rentiere tragen in verschiedenen Regionen unterschiedliche Bedeutungen: Bei Wald-Sámi galten sie teils als schlechtes Omen, bei südlichen Berg-Sámi als Zeichen reiner, „weißer“ schamanischer Kraft. Heute sieht Lena viele weiße Tiere in den Wäldern – ein gutes Zeichen der Zeit.
Trommelreisen & Heilung – die Wege zu Jabmeáhkká
In Lenas Arbeit dient die Trommel für Trance-Reisen – bis zur Totengöttin (Jabmeáhkká), um „zu verhandeln“ oder Heilung zu bringen. Ein persönliches Beispiel: Nach drohender Herzschrittmacher-OP reiste sie zu Jabmeáhkká; danach attestierten die Ärzte: „Kein Herzproblem mehr.“ Für Lena ist das keine Folklore, sondern gelebte Heilpraxis.
Amanita Muscaria im Sámi-Kontext – Schweigen der Geschichte, Interesse der Gegenwart
Über Fliegenpilz in der alten sámischen Praxis gibt es wenig Schriftliches – mündliche Traditionen dominieren, vieles wurde durch Missionierung und Verfolgung zerstört (Trommeln verbrannt, Schaman:innen getötet). Lena selbst hat Amanita bislang nicht in Ritualen genutzt; sie betont jedoch ihr heutiges Interesse: statt Antidepressiva mit Umweltfolgen (Rückstände im Wasser) alternative, naturverbundene Wege zu finden. Der Pilz wächst „direkt vor der Veranda“ – die Begegnung ist greifbar.
Verbündete & Elemente – Bär, Rabe, Kiefer, Stein
Lenas wichtigste Alliierten sind Bär (Zeichen großer Heilkraft) und Krähen/Raben. Heilig ist die Kiefer – mit der sich Kraft- und Heilungsarbeit verbindet. Steine nutzt sie zur Stärkung und zum „Halten“ der Prozesse. Grundannahme: Alles hat Seele. Wer die Natur mit offenem Herzen anspricht, bekommt Antwort – manchmal als „umarmender“ Wald, wenn nichts Menschliches trösten kann.
Acht Jahreszeiten & einfache Riten
Die Sámi unterscheiden acht Jahreszeiten – weil die Übergänge fein und bedeutungsvoll sind. Sonnenwenden/Nordlichter werden schlicht und dankbar begangen; es geht um gelebte Beziehung: zur Sonne (Lebensbringerin), zu den Ahnen (Nordlichter), zu den lokalen Gottheiten.
Rat für Suchende – entkomplizieren, verbinden, zuhören
Lenas Empfehlung: „Wir Menschen machen vieles zu kompliziert.“ Handy aus, raus in die Natur, lauschen, Demut üben. Bäume nicht nur umarmen – sich zurück umarmen lassen. Wer die Natur als lebendiges, geistiges Gegenüber anerkennt, erfährt Führung – ohne große Worte.
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Informationen über die Interviewpartnerin
Lena Greus
Noaidi (Sámi Schamanin) aus Nordschweden • Schamanische Retreats & Heilsitzungen
Lena Greus, auch bekannt als Proud Crow, ist Noaidi – eine Schamanin in der samischen Tradition – aus Karesuando im hohen Norden Schwedens. Ihren Weg begann sie Anfang der 2000er Jahre und gründete 2007 ihre Praxis Goda Energier. Mit einem Hintergrund in Verhaltenswissenschaften verbindet sie traditionelle Heilmethoden mit moderner Bewusstseinsarbeit.
Lena ist tief in die spirituelle Weisheit und Kultur ihres samischen Erbes eingetaucht. Ihre Arbeit umfasst schamanische Heilsitzungen, Retreats und Rituale, die auf die Wiederverbindung mit Natur, Ahnen und Seele ausgerichtet sind. Im Dokumentarfilm „Les derniers chamans / The Last Shamans“ von Emmanuelle Eyles ist sie gemeinsam mit Peter Fourbears Armstrand zu sehen – ein eindrucksvolles Zeugnis zur Wiederbelebung ihrer angestammten Traditionen.
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