Tag 7 – Amanita Online Kongress 2025: Heilende Wege jenseits der Grenzen – „Baltic Healing“ mit Andrea Lötscher
Datum: 30. Oktober 2025 | Kategorie: Heilende Wege & Ethnologische Perspektiven
Zum Auftakt des siebten Kongresstages spricht Andrea Lötscher – Ethnologin, Filmemacherin und Schöpferin des preisgekrönten Dokumentarfilms „Baltic Healing“ – über ihre Forschungsreisen nach Lettland, die Begegnung mit der Heilerin Ilga Gavare und die Wiederentdeckung uralter baltischer Pirts-Dampfbadrituale. Gemeinsam mit Ilga bietet Andrea heute in Dortmund lettische Pirts-Zeremonien an, in denen sich die Heilarbeit mit Pflanzen, Kräutern und Amanita muscaria auf einzigartige Weise verbindet.
Wie alles begann – Von der Ethnologie zum Heilfilm
Andrea erzählt, wie sie über eine lettische Doula und deren Familiengeschichte auf die Idee zu Baltic Healing kam. Eine Urgroßmutter, die ihr Heilwissen in geheimen Büchern niederschrieb, musste alles verbrennen, als in der Sowjetzeit Heilpraxis und Schamanismus verboten waren. Doch das Wissen überdauerte im Verborgenen – und nach der Unabhängigkeit Lettlands konnte es wieder öffentlich geteilt werden. So entstand der Plan, einen Film über diese Wiederbelebung alter europäischer Heiltraditionen zu drehen. Der Dreh führte sie tief in die Sommer-Sonnenwendfeste, zu Frauen mit Blumenkränzen, Männer mit Eichenlaub, Feuer, Gesang und Heilbädern – Bilder, die pure Lebensfreude und tiefe Erdverbundenheit atmen.
Die Rückkehr des Heilwissens – und die Verbindung zu Amanita
Während der Dreharbeiten begegnete Andrea dem Fliegenpilz erstmals konkret. Die Heilerin Ilga Gavare schickte ihr zwei kleine Fläschchen Amanita-Essenz. Zunächst zögernd, begann Andrea mit mikroskopisch kleinen Dosen – ein bis zwei Tropfen – und spürte vorsichtig in die Wirkung hinein. Als sie versehentlich acht Tropfen nahm, kam die Angst hoch: „Ich dachte, das ist mein letzter Wille.“ Diese Erfahrung zeigte ihr, wie tief die kulturelle Angst vor dem „giftigen“ Fliegenpilz sitzt – und wie sehr sie einer Neubetrachtung bedarf. Heute beschreibt sie Amanita als ein „wunderbares Heilmittel, das Respekt, Achtsamkeit und kleine Dosen“ erfordert.
Die lettische Pirts-Tradition – Sauna als Heiltempel
Die Pirts ist mehr als ein Dampfbad – sie ist ein lebendiges Heilritual. In Lettland werden aus Birken-, Linden- oder Eichenzweigen sogenannte Saunabesen gebunden, mit denen Energie und Dampf bewegt werden. Frauen und Männer werden auf Blumenbetten gelegt, mit Kräutern, Salz oder Honig eingerieben, in wechselndem Heiß-Kalt-Rhythmus gereinigt und gestärkt. Der Dampf gilt als Träger der Geister der Sauna, der Ahnen und des Ortes. Über die Hitze entsteht ein Bewusstseinszustand, in dem Heilung, Loslassen und Verbindung geschehen können. Andrea nennt es „eine Form der schamanischen Heilarbeit – aber ganz bodenständig, natürlich, weiblich“.
Vom Trauma zur Rückverbindung
Andrea berührt ein Thema, das in vielen Teilnehmenden tief mitschwingt: den kulturellen Bruch in Mitteleuropa. Nach Christianisierung, Hexenverfolgung und Nationalsozialismus gingen Lieder, Rituale und das Vertrauen in Naturspiritualität weitgehend verloren. „Als ich meinem Vater sagte, ich drehe zur Sommersonnenwende, sagte er: ‚Das kannst du nicht machen‘ – für ihn war das durch Nazi-Symbolik belastet.“ In Lettland jedoch blieb die Verbindung lebendig. „Die Frauen dort haben mir gezeigt, was möglich ist, wenn Wissen nicht abreißt.“
Die heilende Arbeit mit Amanita – Ahnen, Myzel & zyklische Weisheit
Amanita, sagt Andrea, wirkt wie ein Spirit der Verbindung. Er verknüpft Menschen, heilt Brüche, erinnert an Wurzeln. Besonders in kleinen Dosen erlebt sie, dass der Pilz tiefes Arbeiten an Ahnen- und Traumata-Themen ermöglicht: „Er hilft, unterbrochene Fäden wieder zu verweben.“ Und wie sein eigenes Wachstum zeigt er uns Zyklen: „Er kommt im Herbst, lässt uns verlangsamen, integrieren, und verschwindet, bis der nächste Kreislauf beginnt.“ Sein Wesen sei „wild, unzähmbar, frei“ – ein Lehrer des Loslassens und der Eigenzeit.
Die Verbindung von Pirts & Amanita – Rituale in Dortmund
Nach den Dreharbeiten brachte Andrea die Pirts nach Deutschland. Gemeinsam mit Ilga Gavare baute sie in Dortmund eine eigene Sauna, in der sie heute Pirts-Amanita-Rituale anbietet: kleine Gruppen, tiefes Schwitzen, Reinigung, Integration und abschließende Amanita-Zeremonien in achtsamer, geschützter Atmosphäre. „Nach wenigen Stunden entsteht eine Gruppe aus Fremden – verbunden, weich, offen.“ Verwendet werden nur sanfte Dosen, knapp über dem Microdosing-Bereich. Für viele Teilnehmer entsteht ein Gefühl tiefer Geborgenheit, für andere schlicht ein friedlicher Schlaf. „Beides ist gut – Amanita wirkt auf vielen Ebenen.“
Frauen, Heilkunst & das Immunsystem der Erde
Andrea sieht ihre Arbeit auch als Beitrag zur Heilung des Weiblichen: „Das alte Wissen über Geburt, Leben, Sterben, Pflanzen, Webkunst und Heilung war Frauenwissen – und wurde enteignet. Jetzt holen wir es zurück.“ Ihre Vision: Frauen weltweit vernetzen sich, beleben Orte der Heilung und bilden so ein myzelartiges Netz – „das Immunsystem der Erde“. Jeder Film, jedes Ritual, jedes Lied ist ein Faden darin.
Essenz
„Amanita erinnert uns an unsere Wurzeln – an das, was uns verbindet. Er lehrt Achtsamkeit, Eigenverantwortung und das zyklische Prinzip: alles zu seiner Zeit, in seiner Dosis.“ Andrea lädt ein, Heilung als Wiederverbindung zu verstehen – mit sich selbst, mit der Erde und mit dem, was lange unter der Oberfläche geschlummert hat.
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Hinweis der Amanita Academy: Wir möchten ausdrücklich darauf hinweisen, dass wir uns von jeglichen medizinischen, therapeutischen oder inhaltlichen Aussagen der im Amanita Online Congress 2025 vertretenen Sprecher distanzieren. Wir möchten lediglich die Inhalte der einzelnen Vorträge neutral zusammenzufassen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – ohne Wertung, Empfehlung oder Einflussnahme. Die in den Interviews und Präsentationen geäußerten Meinungen spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten der Amanita-Academy wider. Wir stellen dieses Wissen zur Verfügung, um den Diskurs zu fördern und interessierten Menschen die Möglichkeit zu geben, sich ein eigenes Bild zu machen. Alle Videos können auf der offiziellen Webseite des Kongresses eingesehen werden: http://amanita-congress.de/
Informationen über die Interviewpartnerin
Andrea Lötscher & Filmausschnitt „Baltic Healing“
Ethnologin & Dokumentarfilmerin • Lettische Pirts-Dampfbad-Rituale mit Amanita • Interview mit Ilga Gavare
Andrea Lötscher ist Ethnologin und Dokumentarfilmerin. Über ihren preisgekrönten Film BALTIC HEALING, der sich mit traditionellen Heilpraktiken in Lettland beschäftigt, fand sie ihre Verbindung zu Amanita muscaria. Die tiefgehende Auseinandersetzung mit den baltischen Heiltraditionen führte sie zu einer spirituellen und kulturellen Begegnung mit dem Fliegenpilz.
Gemeinsam mit Ilga Gavare bietet sie in Dortmund traditionelle lettische Pirts-Zeremonien – Dampfbad- und Amanita-Rituale – an. Ihre Arbeit verbindet ethnologische Forschung, filmische Dokumentation und gelebte Heilpraxis in einem authentischen, naturverbundenen Ansatz.
Schwerpunkte:
- 🎥 Ethnologin & Dokumentarfilmerin
- 🌿 Filmprojekt BALTIC HEALING – Heiltraditionen Lettlands
- 🔥 Traditionelle lettische Pirts- & Amanita-Rituale
- 🤝 Zusammenarbeit mit Ilga Gavare (Dortmund)
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