Tag8-2 / 31. Okt – Medizinfrauen & Heiltraditionen: Interview Zusammenfassung mit Åsa Andersson Martti

Tag 8 – Amanita Online Kongress 2025: Åsa Andersson Martti – Sápmi, Stimme des Landes & die Amanitas als geistige Verbündete

(Interview auf Englisch, Zusammenfassung auf Deutsch)

Datum: 31. Oktober 2025 | Kategorie: Medizinfrauen & Heilweisheit unterschiedlicher Traditionen (inkl. Sápmi)

 

Åsa Andersson Martti ist traditionelle Sápmi-Heilerin (Gonar), Künstlerin, Artivistin und Forscherin aus Giron/Kiruna (Nordschweden). Ihre Arbeit verwoben mit den Stimmen von Menschen, Orten und „mehr-als-menschlichen“ Wesen – in einer animistischen Weltsicht, in der Landschaft ein lebendiges Archiv ist. Åsa gründete den Pilgerweg „Sámi Trail of Tears“, inspiriert von den Kindheitserinnerungen ihrer Mutter an die zwangsweise Umsiedlung. Ein Zeichen der Zeit: Kurz nach unserem Besuch in Giron fruktifizierte Amanita muscaria – erstmals – direkt gegenüber von Åsas Haus.

Wurzeln in Sápmi – und zwei Kulturen

Åsa wuchs in der Sápmi-/Tornedalischen Mischkultur auf: Berge, Wälder, Flusstäler, wenige „westliche“ Ärzt:innen – dafür eine Praxis der Beziehung: mit Wetter, Tieren, Steinen, Pflanzen. Ihr Götti Wåhle schickte sie als Kind zu Stein, Heidelbeere, Amanita: „Frag sie – sie antworten.“ Später – schwedische Schule, Rationalismus, „modern“ – sie verschließt diese Wahrnehmung, arbeitet in PR, fühlt Leere. Mit 30 kehrt sie zu Philosophie, Psychologie, TCM und europäischen Heiltraditionen zurück – findet die alten Elemente und Himmelsrichtungen im westlichen Denken wieder. Schließlich der schamanische Ruf – den sie lange verweigert. Ein Sturz auf Eis (Brüche, Sehnenrisse), das Gesicht des verstorbenen Gotts in der Luft: „Ruf angenommen“. Sie beginnt als Heilerin zu arbeiten – zuerst für eine Klientin aus Genf, die „nächste Woche“ zu ihr kommen will. Der Weg ist gesprochen.

Giron/Kiruna – Land in der Erschütterung

Die Gegenwart ist rau: EU-getriebene Rohstoffpolitik, Monokulturen, Kahlschläge, Windparks, vor allem Eisenbergbau. Der Boden reißt auf, die Stadt wird verschoben, das Elternhaus soll umgesiedelt werden. Åsa spricht von „Mini-Erdbeben“, von Verlust an Kontrolle und kollektivem Stress. Und genau jetzt steht Amanita in Fülle vor der Tür. Ihr Lesen der Landschaft: „Was um dein Haus wächst, ist die Medizin, die dich ruft.“ Die Amanitas kommen als kalmiende Wesen in Zeiten von Ungewissheit – mit Agentur, mit Botschaften für eine Gemeinschaft in „Zwielicht-Zonen“ zwischen Staat und Mine.

Animismus erklären, ohne ihn zu verflachen

Für die Sápmi ist „Animismus“ kein -ismus, sondern Normalität: Alles ist belebt, hat Seele und Handlungsfähigkeit. Heilung entsteht durch Verhandlung und Beziehung – mit Ort, Wetter, Wesen. Åsa betont eine Kontinuität zwischen früher griechischer Philosophie (Elemente, Richtungen) und schamanischen Wurzeln – eine Sprache, die ihr half, das Selbstverständliche in Begriffe zu bringen.

Heilmethode – Klang, Trommel & „besondere Augen“

Im arktischen Winter ist es still – Klang wird zur Medizin. Die Trommel, der Herzschlag, leise Gesänge induzieren Trance; Ohne Substanzen. Åsa „schaut“ mit den „besonderen Augen“ (inneres Sehen), führt zwei Gespräche gleichzeitig: eines mit dem Menschen (über Wind und Wetter), eines mit der Krankheits-Entität („alles hat Agency“). Sie fragt: „Bist du aus Wasser? Aus Stein?“ – und verhandelt die Rückkehr der Entität an ihren Ursprung. Heilung heißt: Balance statt Performanz; den Deal finden zwischen Betroffenem, Wesen und Ort.

Amanita – nicht (nur) zum Essen, sondern als Gesprächspartnerin

Åsa sammelt, trocknet – und „telefoniert“ im Winter mit Amanita: eine geistige Verbindung in der Nacht („lebendiges, blaues Leuchten“). Myzel als Telefonnetz unter der Erde. Die größte Einladung: „Iss weniger – sei mehr“. Setz dich zur lebenden Amanita, übe Ganzkörper-Hören, nutze Fantasie als Brücke (auch im 11. Stock), reise innerlich. Die Medizin der Zeit ist nicht Konsum, sondern Relation.

Steine, Eisen & Erscheinungen – Sápmi als lebendiges Archiv

Kiruna ist reich an Eisen. In Sápmi gelten Steine mit Bewohnern (Sájvvuođat) als heilig. Åsa verweist auf Forschungen: In mineralreichen Gegenden seien Erscheinungen häufiger. Ihr Kapitel über „Healing Stones of the North“ (Routledge) beschreibt genau das: Orte mit Präsenz, an denen man lernen kann – wenn man fragt.

Rentiere, Lichen & die zerstörte Stille

Rentiere und Elche überleben mit Baumflechten (an Altbäumen) – wenn Forstmaschinen Myzel und Böden nicht zerstören. Migration braucht intakte Wälder, nicht Produktionsflächen. Åsa verbindet diese Ökologie mit Seelenökologie: Bombardement von Reizen, Narrativen, Konsum – dann suchen wir Amanita für „Ruhe“, kehren heim – und fallen zurück in die Reizflut. „Nicht nachhaltig.“ Ihr Ruf: Degrowth, Recycling, weniger „Neonlicht“, Schutz indigener Territorien – sonst reißt die Verhandlungskette zwischen Mensch, Land und Wesen.

Pilgerweg & kulturelles Gedächtnis – Sámi Trail of Tears

Als Antwort auf erlittene und drohende Zwangsumsiedlungen gründete Åsa den Sámi Trail of Tears: ein Pilgerweg als Trauerarbeit, als Re-Membering von Land und Familienerinnerung – als soziale Skulptur und Energiebildner in Gemeinschaften, die buchstäblich den Boden unter den Füßen verlieren.

Essenz – Botschaft an die Kongressgemeinschaft

„Amanitas sind hier. Sie verhandeln mit uns – in Zeiten, die uns Kontrolle entziehen. Setzt euch zu ihnen, sprecht mit Ort und Wesen, findet Balance – erst sie, dann die Evolution. Und: Esst weniger – seid mehr.“

 

Weiterführende Links

amanita-congress.de


Hinweis der Amanita Academy: Wir möchten ausdrücklich darauf hinweisen, dass wir uns von jeglichen medizinischen, therapeutischen oder inhaltlichen Aussagen der im Amanita Online Congress 2025 vertretenen Sprecher distanzieren. Wir möchten lediglich die Inhalte der einzelnen Vorträge neutral zusammenzufassen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – ohne Wertung, Empfehlung oder Einflussnahme. Die in den Interviews und Präsentationen geäußerten Meinungen spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten der Amanita-Academy wider. Wir stellen dieses Wissen zur Verfügung, um den Diskurs zu fördern und interessierten Menschen die Möglichkeit zu geben, sich ein eigenes Bild zu machen. Alle Videos können auf der offiziellen Webseite des Kongresses eingesehen werden: http://amanita-congress.de/

Informationen über die Interviewpartnerin

Åsa Andersson Martti

Sámi Heilerin aus Kiruna, Nordschweden • Sámi Trail of Tears Pilgerweg • Soziale Aktivistin

Åsa Andersson Martti ist traditionelle Sámi- und Tornedalen-Heilerin, Künstlerin, Aktivistin und Forscherin aus Kiruna im schwedischen Sápmi. In ihrer Arbeit verbindet sie die Stimmen von Menschen, Orten und mehr-als-menschlichen Wesen – darunter auch den Geist von Amanita muscaria – und betrachtet die Landschaft als lebendiges Archiv kollektiver Erinnerung und Heilung.

Mit ihrem Projekt „Sámi Trail of Tears“ hat Åsa einen Pilgerweg ins Leben gerufen, der auf den Kindheitserinnerungen ihrer Mutter an Zwangsumsiedlungen beruht. Ihr Wirken vereint spirituelle Praxis, kulturelle Aufarbeitung und Aktivismus und trägt dazu bei, die Geschichten, Wunden und Heilkräfte des Landes neu zu erinnern und zu ehren.

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