Tag10-1 / 02. Nov – letzten Tag des Amanita Online Congress: Interview Zusammenfassung mit Dr. Claudia Müller-Ebeling

Tag 10 – Amanita Online Kongress 2025: Dr. Claudia Müller-Ebeling – Kunst, Ethnologie und die Rückkehr des Fliegenpilz-Wissens

Datum: 2. November 2025 | Kategorie: Ethnologie & Kulturgeschichte

Einführung – Warum sie (fast) immer schon hier war

„Warum bist du Ethnologin und Kunsthistorikerin geworden?“ – „Und warum du nicht?“ Mit diesem Augenzwinkern beschreibt Dr. Claudia Müller-Ebeling den scheinbar selbstverständlich gewachsenen Weg, der sie in die Welt des Schamanismus, der Zauberpflanzen und der visionären Kunst führte. Aufgewachsen im katholischen Schwarzwald, selbst aus einem unchristlich-heidnischen Elternhaus, blieb ihr Blick immer doppelt fokussiert: nach außen – wie andere Kulturen leben und denken – und nach innen – woher Bilder, Symbole und Rituale unserer eigenen Kultur stammen. Dieses doppelte Sehen prägt ihr Werk.

Kunstgeschichte & Ethnologie – zwei Linsen, ein Blick

Die Kunstgeschichte erlaubte ihr, tief in europäische Epochen, Ikonografien und Bildsprachen einzutauchen; die Ethnologie führte sie über Feldforschung zu schamanischen Wirklichkeiten und zur Einsicht: Jede Kultur erschafft ihre eigene Realität – und Realitäten sind wandelbar. Dass in Deutschland Kunstgeschichte oft als (fast) reine Geschichte christlicher Kunst gelehrt wird, kontrastierte sie früh mit vor- und außerchristlichen Strömungen, die in Symbolen, Märchen, Brauchtum weiterlebten.

Psychedelische Erfahrung – Erkenntniswerkzeug, nicht Selbstzweck

Claudia unterscheidet – halb im Scherz, halb im Ernst – „zwei Sorten Ethnologinnen“: solche, die eine psychedelische Erfahrung gemacht haben, und solche, die keine gemacht haben. Für sie waren diese Grenzgänge Erkenntniswerkzeuge: Sie erweiterten das Verständnis ethnologischer Daten und machten den Blick frei für andere Wirklichkeiten. Ausgangspunkt war nicht Romantisierung, sondern kritische Lektüre: Huxley, Rudolf Gelpke („Rausch im Orient und Okzident“) u.v.m. Erst nach gründlichem Studium folgte sie dem Forscherdrang – bewusst, eigenverantwortlich, oft alleine. Ergebnis: tiefe, existentielle Prozesse, keine „bunten Lichter“, sondern Konfrontation mit „Leichen im Keller“ (Familien- und Kulturgeschichte). Ihr Fazit: Wer diesen Weg geht, braucht Reife, Selbstverantwortung, Demut – und muss das Erlebte in den Alltag übersetzen. „Gut“ heißt nicht „angenehm“, sondern „lern- und fruchtbar“.

Warum der Fliegenpilz jetzt wieder auftaucht

Im Zuge der Globalisierung wächst die Sehnsucht nach Heimischem. Der Fliegenpilz (Amanita muscaria) ist beides: heimisch und kosmopolitisch (mit Birke, Fichte/Kiefer weltweit vergesellschaftet). Er ist zugleich Symbol- und Praxispflanze für einen vergessenen europäischen Wissensstrang. Vieles sank – durch religiöse Unterdrückung und Rationalisierung – in Märchen und Kinderbilder ab. Doch dort blieb es lebendig: Wichtel wohnen unter Fliegenpilzen, Zwerge tragen rote Hüte; der verschneite Wald der Bilderbücher bleibt rot-weiß gesprenkelt.

Rot & Weiß – die Tiefensprache des Symbols

Claudia deutet die starke Rot-Weiß-Polarität als urbiologische Symbolsprache: Rot (Menstruationsblut, das Weibliche) und Weiß/Gelblich (Sperma, das Männliche) – die Vereinigung trägt neues Leben. In dunkler Jahreszeit signalisiert der Pilz mit seiner Farbgewalt: Das Leben geht weiter. Deshalb die Nähe zu Wintersonnenwende, zu „immergrünen“ Zeichen, zu Lichterfesten; deshalb die spürbare Beglückung, wenn Rot aus dem Moos leuchtet. Der Pilz ist so Sinnbild der Naturkräfte – er ruft Erinnerungen wach, die jenseits von Dogma und Zeitgeist liegen.

Vom Myzel lernen – Verbundenheit als Wirklichkeit

Myzelien sind die größten Organismen der Erde. Sie vernetzen, zersetzen, verbinden – unterirdisch, unsichtbar, wirksam. Diese Biologie hat eine kulturelle Entsprechung: Alles Leben ist verwandt; wir sind keine Krone, sondern ein Faden im Gewebe. Das zu spüren (nicht nur zu denken), heilt – nicht erst, wenn Krankheit da ist, sondern vorbeugend, klärend, reinigend: wie Fensterputz für Wahrnehmung und Sinne.

Amanita ≠ Psilocybin – anderes Tor, andere Praxis

Claudia betont: Fliegenpilz und psilocybinhaltige Pilze sind grundverschieden (Inhaltsstoffe, Wirkspektrum, Phänomenologie). Schamanische Kontexte (z. B. in Sibirien) zeigen für Amanita oft: Einnehmen → Schlaf → luzides Träumen. Warum? Weil Amanita vegetative Störungen (Schwindel/Übelkeit/Körperschema-Verschiebung) hervorrufen kann; im Liegen wird das Traumwissen sicher nutzbar. Dosierungen sind individuell (Standort, Chemie, Biografie) – es gibt keine Einheitsrezepte.

Sicherheit, Ethos & Integration

  • Intuition zuerst: Wer vor allem Angst/Unsicherheit spürt – Hände weg.
  • Vorbereitung: lesen, verstehen, Setting/Umfeld/Personen mit Bedacht wählen.
  • Eigenverantwortung: Erfahrungen gehören der Person, nicht der Gruppe; Integration ist Arbeit.
  • Demut: Keine Abkürzungen, keine Garantien – aber tiefe Lernmöglichkeiten.

Weihnachten, Wichtel & der „rote Mann“

Die Verbindung von Fliegenpilz, Zwergen/Wichteln, Bergen, Weihnachtsmann und Rentieren ist kein Zufall, sondern kollektives Gedächtnis – in Bild & Brauch bewahrt. Wer tiefer einsteigen möchte, findet bei Christian Rätsch (z. B. „Abtrünnige Weihnachten“) und in den Werken von Claudia Müller-Ebeling („Heidnische Weihnachten“, u. a.) reiches Material.

Literatur & Ressourcen (Auswahl)

  • Christian Rätsch / Markus Berger: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen (Band 1 & 2)
  • Wolfgang Bauer: Der Fliegenpilz (AT Verlag)
  • Markus Berger: Pharmakologie & Kultur der Amanita (versch. Publikationen)
  • Claudia Müller-Ebeling / Christian Rätsch: Heidnische Weihnachten (AT Verlag, Neuauflage)
  • Rudolf Gelpke: Rausch im Orient und Okzident

Kerngedanken aus dem Interview

  • Realitäten sind kulturell gestaltet – psychedelische Erfahrung kann ethnologische Interpretation vertiefen.
  • Symbolik wirkt: Rot/Weiß des Fliegenpilzes ist Tiefensprache (Leben, Vereinigung, Zuversicht).
  • Amanita lehrt anders als Psilocybin – häufig traumbasiert, oft vegetativ herausfordernd.
  • Myzel ist Vorbild: Verbundenheit ist nicht Metapher, sondern ökologische Tatsache.
  • Ethos: Vorbereitung, Demut, Verantwortung, Integration – sonst bleibt Erfahrung „nur Erlebnis“.

 

Weiterführende Links

amanita-congress.de


Hinweis der Amanita Academy: Wir möchten ausdrücklich darauf hinweisen, dass wir uns von jeglichen medizinischen, therapeutischen oder inhaltlichen Aussagen der im Amanita Online Congress 2025 vertretenen Sprecher distanzieren. Wir möchten lediglich die Inhalte der einzelnen Vorträge neutral zusammenzufassen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – ohne Wertung, Empfehlung oder Einflussnahme. Die in den Interviews und Präsentationen geäußerten Meinungen spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten der Amanita-Academy wider. Wir stellen dieses Wissen zur Verfügung, um den Diskurs zu fördern und interessierten Menschen die Möglichkeit zu geben, sich ein eigenes Bild zu machen. Alle Videos können auf der offiziellen Webseite des Kongresses eingesehen werden: http://amanita-congress.de/

Informationen über die Interviewpartnerin

Dr. Claudia Müller-Ebeling

Ethnologin • Kunsthistorikerin

Dr. Claudia Müller-Ebeling ist Ethnologin und promovierte Kunsthistorikerin. Seit den 1980er Jahren erforscht sie visionäre Kunst, Schamanismus und die Kulturen veränderter Bewusstseinszustände mit besonderem Fokus auf psychoaktive „Pflanzen der Götter“. Ihre Feldforschungen führten sie in schamanische Traditionen Nepals, Südkoreas und Lateinamerikas.

Mit ihrem interdisziplinären Ansatz verbindet sie Kunst, Ethnologie und Bewusstseinsforschung. Ihre zahlreichen Publikationen zählen zu den Standardwerken der modernen Ethnobotanik und Schamanismusforschung. Zu ihren bekanntesten Büchern gehören „Schamanismus und Tantra in Nepal“, „Das Lexikon der Liebesmittel“ und „Hexenmedizin“.

Ausgewählte Publikationen:

  • 📚 Schamanismus und Tantra in Nepal
  • 📚 Das Lexikon der Liebesmittel
  • 📚 Hexenmedizin

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